Hergé!

Tintin wie er sein muss - schwarze Linien mit Farbe in den Flächen

Was haben Sie mir und sicher zahllosen anderen die Kindheit versüßt mit Ihrem Werk: Mit haiförmigen U-Booten. Einer wunderbaren Freundschaft in Tibet. Dem schwerhörigen, genialen Professor Bienlein. Der rotweißkarierten Mondrakete. Eben Tim, Struppi und das Fliewatüüt, quatsch, der versoffene Kapitän Haddock. Danke dafür.

Nun haben Sie aufgrund Ihres Todeszeitpunktes die filmische Annäherung des „technisch Möglichen“ an Ihr Œuvre verpasst. Glauben Sie mir, verehrter Monsieur, „Tim und Struppi“ bzw. „Adventures of Tintin“ nicht gesehen zu haben, ist sicher kein Verlust. Wie ich zu dieser Einschätzung komme? Ganz einfach:

Ich finde, dass der Wert Ihrer Geschichten in der reduzierten Gestaltung liegt. Erst die erlaubt diejenigen Projektionsfreiräume, die der geneigte Comicfreund braucht. Sie, mein lieber, wußten dies. Tim besteht aus hellblauer, orangener, hautfarbener, roter, brauner sowie schwarzer und meinetwegen auch weißer Farbe. Macht sieben Farben, acht, wenn das Papier weiß ist. Aber mit gefühlten sieben Milliarden Farben pro gerenderter Hautpore, mit computergeneriert nachgebauten höchstbezahlten Schauspielern, mit Goldexplosionen und allem Schnick und 3D ist Steven Spielbergs Versuch über Tim und Struppi vor allem langweilig, beliebig und seelenlos geworden.

Langweilig, da mehr oder weniger dieselben Spannungselemente immer und immer wieder gezeigt werden: unwahrscheinliche Verfolgungsjagden, Piratenkämpfe etc. Shrek war wenigstens noch lustig dabei und nicht um Seriosität bemüht.

Beliebig – nicht dass es nicht spektakulär wäre, wenn es in echt einen Piratenkampf gäbe, in dessen Verlauf das eine Schiff das andere aufspießt. ABER ES IST BLOSS COMPUTERGENERIERT. ES ZÄHLT NICHT, STEVEN. Es ist nicht spektakulär, wenn es sich einer von den Jungs mit den dicken Brillengläsern in einem Büro in Los Angeles vor seinem Bildschirm ausdenkt und der Computer es ausrechnet und das Endergebnis aussieht als hätten alle eine Wasseransammlung im Kopf.

Seelenlos, ich gebe zu, das ist eine sehr subjektive Einschätzung. Aber wäre ich nach dem sehr schönen Vorspann aus dem Kino gegangen, ich wäre danach besser gelaunt gewesen. Man hätte mit dem Geld, das dieser Film gekostet hat (ohne nachgezählt zu haben) sicher zehn wunderbare, klassische Zeichentrickabenteuer machen können, Ihres, verehrter Hergé, Werkes würdig. Stattdessen ist ein schenkelklopf-rasanter semianimierter Actionscheiß entstanden, der seinesgleichen sucht – sowohl was die völlig unsensible Adaption, Vereinnahme, ja man kann sagen Vergewaltigung des Originalstoffs angeht, als auch in der Zelebrierung dieser Ignoranz.

Oder, um es mit Struppi zu sagen: WUAAAHHH!

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