Star Trek Discovery vs. The Orville

Star Trek Discovery vs. The Orville

Ich vergleiche hier quasi Bananen mit Gurken. Beides ist, oberflächlich betrachtet, ähnlich, aber im Grunde doch sehr verschieden. Ob man das eine oder das andere eher mag, ist von persönlichem Geschmack abhängig, und um den geht es im Folgenden:

The Orville

The OrvilleDie erste Staffel von The Orville wurde, um es kurz und knapp zu sagen, von den Kritikern gehasst und vom Publikum gemocht.

Wie kommt diese Diskrepanz zustande? Meines Erachtens dadurch, dass The Orville sich FORMAL zum enterprisischen SciFi-Dasein bekennt, ABER TROTZDEM den gelegentlichen Witz nicht scheut. Das verwirrt den geneigten Kritiker bzw. führt zu der Befürchtung innerhalb des Kritikerkopfes, dass die Zuschauer davon verwirrt werden könnten und, mit schwerem Ohrensausen in der Nervenklinik sitzend, den Kritiker verklagen, der ihnen zuerst diese irritierende Heimsuchung nahegelegt hat. Aber ich denke, die Tendenz, „das Publikum“ zu unterschätzen, ist dem Berufsstand der Kritiker inne wie die antisoziale Persönlichkeit dem Serienkiller.

Aber zurück zu The Orville:

Ist The Orville jetzt eine Hommage? Eine Satire? Eine Parodie? Eine eigenständige Show?

Ich denke, die Antwort lautet ja auf all diese Fragen. Anders ausgedrückt: Nur weil der gelegentliche Witz vorfällt, folgt nicht zwingend, dass es sich um keine ernsthafte Science-Fiction-Serie handeln kann.

Nur weil Star Trek bisher eine überwiegend witzlose Zone war, heißt dies nicht, dass das so bleiben muss. Und es ist nicht nur möglich, sondern auch sehr unterhaltsam, wie The Orville in seinen 12 eindrucksvollen Folgen der ersten Staffel beweist.

Seth MacFarlane, mit einigem Abstand vermögenster unter den Abgebildeten
Kein Star Trek, aber sehr nah dran: Seth MacFarlane (li.) erfüllte sich mit The Orville einen Kindheitstraum

Seth MacFarlane gehört zu den Großverdienern in Hollywood. Da kann er es sich leisten, seinen Kindheitstraum zu verwirklichen. Angeblich geht dieses Ausleben einer infantilen Vorstellung so weit, dass er quasi jede Abteilung der Filmproduktion mikromanagt, vom Kostümbildner bis zur Musik. Das stelle ich mir sehr anstrengend für alle Beteiligten vor („Ich bin kein Chef. Ich bin eher ein bester Freund, der immer Recht hat“).

Die Themen der thematisch jeweils für sich stehenden Folgen sind absolut Star-Trek-würdig. Damit meine ich, dass es um denkanstoßende, im Großen wie im Kleinen, ethisch relevante, klassische SciFi-Themen geht, die jeweils für sich alleine interessant genug gewesen wären, einen ganzen Star Trek Spielfilm zu füllen.

In meistens parallel geschnittenen, weiteren Handlungssträngen lernen wir die Besatzungsmitglieder der „Orville“ näher kennen. Auch das ist kleines Einmaleins des Erzählens.

Das Jahr: 2418
Das Schiff: The Orville
Der Käptn: Ed Mercer, gespielt von Seth MacFarlane
Der Sender: FOX, der Sender für Leute mit niedriger Stirn, aber auch Heimat z.B. der Simpsons
Folgen/erste Staffel: 12
Produktionsbudget pro Episode: 6-7 Mio. US-$ (geschätzt)
Adrienne Palicki und Charlize Theron in The Orville
Sehr, sehr angenehm für die Augen ist Adrianne Palicki (li.) als Commander Kelly Grayson (hier mit Gastschauspielerin Charlize Theron)

Beschissene Einschaltquoten in Germany mögen der Tatsache geschuldet sein, dass man die meisten Witze des Originals einfach nicht sehr gut ins Deutsche übersetzen kann. Auch bin ich mir nicht sicher, ob The Orville, dem dt. Publikum vom verwertenden Sender Pro7 als „Comedy“ dargeboten, mit dieser Beschriftung Fans findet. Denn The Orville ist in erster Linie Science Fiction, garniert mit etwas Spässle. Keine Klamauk-Orgie wie Switch. Dass die Depperten drunten in München es mit solchen Feinheiten nicht so draufi haben, ist ja ein offenes Geheimnis. Hauptsache die Werbekohle kommt rein, gell? Da kann ja auch mal die Praktikantin die Filmchen in die richtigen Schubladen stecken…

Yaphit und Schauspielerin Penny Johnson Jerald
Origineller Charakter aus dem Computer: Yaphit, der CGI-Blob-Ingenieur, hier im Dialog mit Schiffsärztin Claire Finn

Wie hängt nun The Orville mit Star Trek zusammen?

Es gibt eine große Schnittmenge der beiden Serien. Diverse Star Trek-erprobte Profis haben eine Rolle auf The Orville übernommen. Von Brannon Braga über André Bormanis bis hin zu David A. Goodman wirkten viele Trek-Veteranen an MacFarlane’s neuer Show mit. Star Trek Stars Jonathan Frakes und Robert Duncan McNeill führten bei jeweils einer Folge Regie. Schauspielerin Penny Johnson, die in Star Trek Deep Space 9 Kasidy Yates darstellte, gehört bei The Orville zum Stamm-Ensenble und portraitiert dort die Schiffsärztin Claire Finn. Robert Picardo (das Doktor-Hologramm von Star Trek Voyager) hat einen Gastauftritt.

Kein Wunder also, dass alle Folgen von The Orville einen starken Trek-Unterton haben. Das startet bei der episodischen Erzählweise, zieht sich über die Kostüme, Ausstattung bis hin zur musikalischen Untermalung. Näher kann man eine TV-Serie nicht an Star Trek annähern, ohne dass Star Trek draufsteht.

Besonders spannend wird es, wenn man betrachtet, in welche Richtung sich das Orville-Vorbild Star Trek entwickelt:

Star Trek Discovery

Star Trek DiscoveryDiscovery ist die erste Star Trek Serie seit 2005* und setzt vorwiegend auf düstere Töne. Bei The Orville werden ernste SciFi-Themen mit einer vergleichsweise geradezu luftigen, optimistischen Heiterkeit transportiert. Star Trek Discovery dagegen transportiert ernste, dunkele SciFi-Themen auf ernste, dunkle Art – wörtlich, wie auch im übertragenen Sinn.

Das Jahr: 2256
Das Schiff: Discovery
Der Käptn: Gabriel Lorca, gespielt von Jason Isaacs
A-haber:
Hauptrolle und erster Offizier: Michael Burnham, gespielt von Sonequa Martin-Green
Der Sender: CBS, Netflix
Folgen/erste Staffel: 15
Produktionsbudget pro Episode: 8-8,5 Mio. US-$
Jason Isaacs und Sonequa Martin-Green auf der Brücke der U.S.S. Discovery
Jason Isaacs und Sonequa Martin-Green auf der Brücke der U.S.S. Discovery

Sonequa Martin-Green hat eine starke Präsenz auf Bildschirmen aller Art, das sei vorweg geschickt. Sie ist damit völlig ideal besetzt, und das gilt für so gut wie alle Rollen. Woran Discovery wirklich kränkelt, ist vielleicht eher der schwierige und turbulente Weg, auf dem diese Serie entstanden ist. Bryan Fuller, ein weiterer Trek-Veteran, wurde engagiert, um als Chefkreativer die Zügel für dieses Projekt in die Hand zu nehmen. Nach vielem Hin und Her mit dem produzierenden Sender CBS zog er sich, nachdem er einiges an Basisarbeit geleistet hatte, auch aufgrund anderer Verpflichtungen, aus Discovery heraus. Sein Nachfolger David Semel (ein sehr erfahrener TV-Produzent und Regisseur, aber ohne jede Verbindung zum Trek-Universum) war fortan konzeptionell verantwortlich – ein Schritt, den Bryan Fuller für falsch hielt. Man muss wissen, dass Bryan Fuller wahrscheinlich die Autorität in Sachen Star Trek ist, und somit der beste Mann für den Job™.

Wie hat sich dieser Wechsel an der Spitze von Star Trek Discovery ausgewirkt?

Schwer zu sagen, aber ich denke, dass Discovery die am wenigsten Star Trek-artige Serie der Reihe ist. Das mag Absicht sein, vielleicht um ein größeres Publikum zu erreichen. Aber mir fehlt bei Discovery vieles, was The Orville im Überfluss zu bieten hat: Neue Aliens, ethische Dilemmata, glaubwürdige, liebenswerte Charaktere.

Aufgefallen ist mir auch die völlige Abwesenheit von Humor. Jetzt kann man sagen, ok, der Beginn einer blutigen Auseinandersetzung mit dem Klingonischen Reich ist vielleicht nicht die Zeit, und auf einem Schiff, das die letzte Hoffnung der Menschheit auf Frieden darstellt, ist vielleicht nicht der Ort für dumme Witzchen. Aber gar kein Humor? Nur gequälte Getriebenheit, Kampf und Überlebensinstinkt? Ist das adäquat für eine Serie, in der es stets auch um die Definition des Menschlichen an sich ging?

Aus meiner Sicht problematische Entscheidungen gehörten schon immer zur Geschichte der verschiedenen Star Trek Serien: die unglückliche Titelmusik von Star Trek Enterprise, Neelix bei Star Trek Voyager und quasi jede Geschichte mit Wesley Crusher bei Star Trek The Next Generation, um nur ein paar Beispiele zu nennen, die mir spontan einfallen.

Rainn Wilson (Mitte) hatte eine Gastrolle auf der Discovery
Rainn Wilson (Mitte) hatte eine Gastrolle auf der Discovery

Discovery hat viele Aspekte, die mir einfach Spaß gemacht haben und mich hoffen lassen, dass auch diese Serie ihren Weg machen wird – die erste Staffel von Star Trek The Next Generation war auch nicht der Bringer. So zum Beispiel die opulenten visuellen Effekte. Einfach Klasse, viele aufwändig gerenderte Kameralinsenreflexe zieren die Außenansichten verschiedenster Szenarien. Rainn Wilson (Dwight Schrute aus The Office) hat eine Gastrolle! Die schon erwähnte Sonequa Martin-Green.

Es gibt eine Menge abgefahrenes Zeug auf der U.S.S. Discovery zu entdecken:

Pilzsporen-Raumschiffantriebe. Klingonen, die klingonisch (mit Untertiteln) sprechen statt englisch. Zeitreisen, Paralleluniversen.

Klingonen im Wechsel der Zeit
Klingonen zu Zeiten von Star Trek The Original Series, The Next Generation und Discovery

Ein deutlicher Unterschied zur Orville liegt in der Erzählweise. Discoverys Handlungsstrang läuft quasi durch, von der ersten bis zur letzten Folge. Man muss die vorherigen Episoden gesehen haben um zu verstehen, worum es geht. Die auch bei Discovery eingewobenen Hintergrundstories, mit denen wir die Charaktere besser kennenlernen, führen den Zuschauer allerdings teilweise in die Irre, denn nicht jeder ist, wer er zu sein scheint…

Beide SciFi-Serien werden fortgeführt: Ab dem 30.12.2018 soll Staffel 2 von The Orville starten. Und im Januar 2019 läuft die Staffel 2 von Star Trek Discovery an.

Ich habe mir die Star Trek Gewissensfrage gestellt: Würde ich lieber auf der U.S.S. Discovery oder der U.S.S. Orville mitfliegen? Die Antwort findet der geneigte Leser in den Zeilen oben verborgen.

Würdest Du lieber auf der U.S.S. Orville oder der U.S.S. Discovery mitfliegen?
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* Im Zuge der damals vorherrschenden, allgemeinen Überzeugung, Star Trek sei mit Enterprise endgültig klinisch tot gelangten die Rechte an der Serie durch allerlei Firmenrochaden, Aufteilungen und Umbenennungen an CBS.

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